Aus aktuellem Anlass hervorgekramt: "Huch, plötzlich Alles braun?!"

By agnahtstrumpf_admin / On Aug.27.2015 / In dies & das / Width 0 Comments

bluehende landschaften

So lautete damals die Überschrift: "Huch, plötzlich Alles braun?!" - es war im Jahr 2006.

Die Bilder der vergangenen Tage nehme ich zum Anlaß, diesen Text nochmals aus der Mottenkiste hervorzukramen. Für alle, die sich verwundert die Augen reiben und sich zutiefst betroffen zeigen, wie derart Entwicklungen möglich sind: es kochte schon seit Jahren, Herrschaften. Nun bezwecke ich nicht, entsprechend der guten alten deutschen Tugend "Ich hab es schon immer gewußt",  ganz schlau dazustehen. Vielmehr möchte ich zeigen, das sich diese Erscheinung lange Zeit entwickeln konnte und sich dieses Land hätte durchaus hätte bewegen können. Es fand sich keine Zeit und auch kein Willen dafür. Wie vor zehn Jahren, so auch heute: mit dem Finger zeigen ist alles an Reaktion. "Uns geht es doch gut".

Das Foto zu diesem Eintrag nenne ich mal "Blühende Landschaften"...

Hier die nicht durch erneute Lektorat gelaufene Kopie meines Blogeintrags aus dem Jahr 2006 auf BLOG.DE.


Huch, plötzlich Alles braun?!

vonAG_Nahtstrumpf @ 2006-12-10 - 22:05:45

Bei der gegenwärtigen Betroffenheit, die von den Politikern dieses Landes zum Ausdruck gebracht wird, sehen sie sich mit der plötzlich, scheinbar aus dem Nichts auftauchenden braunen Welle konfrontiert kann ich nur mit dem Kopf schütteln.


Erst recht, stellen sich Leutchen hin, lassen sich in ihre Wahrheit fallen und behaupten ernsthaft: "in der DDR hat es solche Leute nicht gegeben! Dort war kein Hort für derartiges Gedankengut". Das kam Alles aus dem Westen. So vor zwei Wochen zu lesen in der Leipziger Volkszeitung. Hier ist eine der Gemeinsamkeiten beider Gesellschaftsordnungen- Augen zu und die Realitäten verdrängt, solange sie nicht das eigene Umfeld betreffen.

Rufen wir also die eigenen Erinnerungen zurück: Sommer 1990, Deutschland läßt sich im Einheitstaumel blind treiben... wir sind wieder wer! So, oder so ähnlich blubbert es auch in manchen kahlen Schädeln.


Es ist August 1990, auf der Leipziger Festwiese spielen "The Cure". Als alter DDR-Grufti geht ein Wunsch in Erfüllung.


Wir bewegen uns in einer großen Gruppe aus Richtung Hauptbahnhof Richtung Festwiese. Auf der Janallee kommen uns Autos entgegen, aus denen nette "Komplimente" gebrüllt werden. Aus einem Seitenfenster blinkt eine Messerklinge. Egal, wir freuen uns aufs Konzi, doch eine böse Vorahnung auf Kommendes bleibt.


So sollte es in Erfüllung gehen. Das Konzert ist fast zu Ende, aus irgendeinem Grund müssen wir früher los. Vor der Festwiese Schaaren von Bereitschaftspolizei in voller Ausrüstung. Auweia. Ob die wohl wegen randalierender Gothen da waren? Jedenfalls lag Gefahr in der Luft, umsonst waren die sicher nicht dort- Irgend Jemand hat die bestehende Gefahr erkannt... Unter diesem Eindruck laufen wir die paar Meter zu Straßenbahn. Zum Bahnhof laufen wollen wir unter keinen Umständen. Es sind nur wenige Haltestellen bis zum Hauptbahnhof...


Was mit dem Zusteigen in die Straßenbahn begann, war Menschenjagd pur. Schön, in so einem Glaskasten gefangen zu sein. Am Bahnhof hält die Straßenbahn- aus der Ferne naht die lärmende Horde. Was nun? Angst. Panik. Hilflosigkeit. In den Bahnhof! Wir rennen los. Wir haben ein paar Mädels mit dabei, müssen aufpassen, daß wir zusammenbleiben...


Puhhhh, in der Westhalle sind zum Glück Polizisten aufgebaut, doch hinter ihren Reihen hat sich eine andere Gruppe positioniert, bewaffnete mit Ketten und Baseballschlägern. "IHR SEID KEINE DEUTSCHEN!" & "WIR-KRIEGEN-EUCH-ALLLLEEEEEE!" wird skandiert. Na prima.


Weg hier, hoch in die grosse Bahnhofshalle... überall Bereitschaftspolizei, die versucht uns von denen zu trennen. Oben ist zunächst alles ruhig, doch irgendwie haben es ein paar von Denen geschafft in die Bahnhofshalle zu gelangen. Erschreckend. Du hast keine Zeit, zunächst zu erfassen, was überhaupt geschieht. Neben mir wird einem anderen Grufti die gerade angesetzte Colabüchse ins Gesicht gedrückt, Nazis rennen hinter jungen Frauen hinterher, wollen sie packen, Polizei kommt fängt die Jäger ein.


Nur weg hier! Wir rennen quer durch die auf dem Bahnsteigen abgestellten Waggons, legen uns schließlich im Gang auf den Boden und versuchen zu hören, was draußen passiert...

So ging es in der Wendezeit weiter. Aus Angst vor Naziüberfällen waren die Clubs vergittert, verstärkt. Ich erinnere mich an das alte Kassablanka in Jena, die Fenster vergittert, die Türen mit Bohlen verstärkt. Oder der Eiskeller in Leipzig: mitten im Konzert rief es aus dem Dunkel: "die Nazis kommen!" Axtstiele wurden über die Theke geworfen und eine Gruppe Punks machte sich auf den Weg... .


Dann waren sie immer mal wieder mal hinter uns her. Immer mal wieder- bis es Mitte der 90'er ruhiger wurde.

Wen hat es interessiert? Och, die Idioten jagen sich, sollen sie sich doch den Schädel einschlagen. Es war eine bewegte Zeit, da verschwendete Niemand seine Aufmerksamkeit für solche Vorkommnisse, die wenn überhaupt, nur am Rande wahrgenommen wurden.


Es passierte doch. Und so konnten sie wachsen und gedeihen. Jahr für Jahr. Es interessierte Niemanden. Vietnamesen, Türken, Linke, Rostock, Magdeburg, Solingen. Doch heute, da scheinbar das Bestehen der heilen bürgerlichen Welt bedroht ist, da ist das Entsetzen groß. Wie konnte denn das geschehen? MEIN GOTT, WIE FURCHTBAR! NEIN, WIR MÜSSEN ETWAS TUN! Ja, am Besten eine Lichterkette entzünden.


In Eurem Blickfeld, doch dennoch von Euren Augen verborgen ist dieser Keim gewachsen. Geschichte wiederholt sich immer wieder, Menschen werden zu Verlierern gemacht oder fühlen sich als Verlierer. Wen interessiert es, solange das große Fressen weitergehen kann?

Och, das ist doch nur im Osten & weit weg... .


Wer es lesen möchte, Eine Auswahl alter Blogeinträge von BLOG.DE liegt hier bei www.nahtstrumpf.de archiviert

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